Sonntag, 5. Dezember 2010

Zu anspruchsvoll? oder: Das verdammt scheue Wow!Gefühl

Die letzten Tage hatte ich es - dieses "Wow!"Gefühl. Wenn man spürt, dass sie zum Greifen nah sind. Die Träume, die man niemals laut ausspricht, weil sie einem selbst irrational vorkommen. Und man es vermessen findet, davon überhaupt zu träumen. Mehr zufällig (aber gibt es den Zufall denn überhaupt? Ich hab das immer schon bezweifelt ...) bin ich über eine wunderschöne Rezension einer 18jährigen Schülerin gestolpert, die mich wirklich glücklich (und auch ein bisschen stolz) gemacht hat.
Da hatte ich es zum ersten Mal wieder - seit einer längeren Phase des Strampelns und Zweifelns und im Trüben Fischens. Ich dachte: Jetzt! Jetzt passiert es! Jetzt ist der Riegel geknackt und meine Geschichte, in der das meiste Herzblut ever steckt, ist in der Welt angekommen. Im gleichen Atemzug habe ich gesehen, dass "Grenzenlos nah" beim LovelyBooks Leserpreis nominiert worden ist ... Ja! Es passiert!, dachte ich und das warme Gefühl breitete sich vom Bauch in meinem Körper aus.
Die wahren Tatsachen sind aber andere.
Bei LovelyBooks bin ich schon vor der Wahl rausgeflogen.
Und ein Telefongespräch mit meinem Verlag hat mich endgültig auf den Boden zurückgeholt.
Mein Buch verkaufe sich mehr als schleppend. Ein echtes Sorgenkind sei es, obwohl der Verlag nach wie vor davon überzeugt sei, dass es wirklich gut ist. Aber ...
Ja, was aber?
Die Vertreter verkaufen es nicht.
Ist es das Cover? Der Titel? Das Thema?
Ja. Am wahrscheinlichsten das. Es ist zu beratungsintensiv. Meint man im Verlag.
Niemand will sich mit dem Grauen eines Krieges auseinandersetzen. Auch nicht, wenn es in eine Liebesgeschichte verpackt ist. Auch nicht, wenn die Sprache gut und das Ambiente autentisch ist. Das Buch kann der Buchhändler nicht einfach so ins Regal stellen. Da muss er was dazu sagen, damit es gekauft wird. Zu schwierig. Zu anspruchsvoll. Zu zeitnah.
Zu wenig "flockige Liebesgeschichte", zu viel "Nachdenkerfordernis".
Das legt man nicht in einem Stapel einfach so hin und die Leute nehmen es einfach so mit.
Traurig, aber wahr.
Und schon war es dahin. Das schöne Wow!Gefühl. Wie ein scheues Tier hat es sich verkrümelt. So schnell konnte ich gar nicht schauen. So glaubwürdig konnte ich ihm nicht versprechen, es trotzdem lieb zu haben. Auch wenn es rundum plötzlich rumpelt und dröhnt. Alle guten Vorsätze, mit positivem Fühlen die positiven Ereignisse anzuziehen, haben sich auf einen Paukenschlag in Luft aufgelöst.
Und zurück bleibt das schale Gefühl, sich wieder einmal etwas vorgemacht zu haben.
Was nützen mir vier 5-Sterne-Rezensionen auf Amazon, wenn sich der Verkaufsrang im Sturzflug der Millionengrenze nähert? Was nützen mir zu Herzen gehende Worte einiger weniger Leser, die über mein Buch gestolpert sind? Es ist wunderschön, zu erleben, dass diejenigen, die meinen Roman tatsächlich gelesen haben, von ihm berührt worden sind.
Aber der Schmerz darüber, dass es immer nur einige wenige bleiben werden, weil das Stolpern eben nur ein sporadischer Vorgang ist, lässt dem Wow!Gefühl keine Chance auf Verlängerung.
Gegen jeden guten Vorsatz, damit mein Leben auf neue Gleise zu stellen.

Und trotzdem gehe ich heute wieder mit dem Versuch schlafen, einen Zipfel dieses Wow!Gefühls unter meinen Kopfpolster zu bekommen. Wie jeden Abend. Es schläft sich halt damit einfach so unglaublich gut ...

Kommentare:

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Gabi,

es macht mich sehr traurig das zu hören! Gemeinsam mit PvC träume ich ja davon, dass Osteuropa-Themen demnächst boomen werden.
Ich kann mir kaum vorstellen, wie schmerzlich es für Dich sein muss, bei all dem Blut und Schweiß, den Du investiert hast.
Fühl Dich ganz fest von mir gedrückt! Und bitte bewahre Dir ein kleines bisschen Wow!Gefühl im Herzen und unter dem Kopfkissen!
Herzlich
Nikola

Diandra hat gesagt…

Schade, wenn etwas gut beginnt und dann doch wieder im Alltag versinkt... lass dich nicht entmutigen! Erfolg hat man erst dann, wenn man wieder aufsteht, sich den Staub von den Klamotten klopft und weitergeht!

AnnetteWeber hat gesagt…

Oh, wie gut ich dich verstehe.

Gruß Annette

PvC hat gesagt…

Liebe Gabi,

du hast mein volles Mitgefühl, weil ich diesen Schock auch kenne. Mich traf er, als ich erfuhr, dass sich meine blödsinnigen, aus Datenbanken kompilierten Zitatebüchlein schneller und leichter verkauften als die mit Herzblut geschriebenen Bücher, zumal es "Lieblinge" der Vertreter waren.

Aber mit diesem Extrembeispiel möchte ich dir auch zeigen: Lass dir von solch irrationalen Mechanismen, die niemand von uns in der Hand hat (auch der Verlag nicht), nicht das Schreiben kaputt machen! Leider wird dieser eiskalte Wind um die "schnelldrehende Ware" Buch immer stärker. Da hilft nur eines: Einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was will ICH eigentlich? Warum schreibe ich?

Schreibe ich, um Masse abzuverkaufen? Will ich Menschen berühren? Was hält mich beim Schreiben am Leben?

Ich weiß, wie schwer es bei einem großen Verlag ist, wenn die Zahlen nicht stimmen (aber hier bist ja nicht du schuld). Trotzdem ist da draußen auch noch ein anderer Markt, ein leiserer, langsamerer. Du wirst die allmächtigen Vertreter nie ersetzen können, aber schau, wir haben heute im Internet auch ganz andere Möglichkeiten, selbst an unsere Leser heranzukommen. Vielleicht wäre das ein Weg?

Schau auf das, was du geleistet hast. Bewahre dir dieses Wissen um dein Können, deinen Stolz. Denke immer daran: Da draußen warten sehr viele Menschen auf ungeglättete, vielleicht auch mal sperrige Ware - und sie kaufen sie nur deshalb nicht, weil sie nicht von ihrer Existenz erfahren. Aber diese Leser sind da!

Liebe Grüße,
Petra

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich habe kürzlich den Autor eines meiner Lieblingsbücher getroffen - ein wunderbares Buch. Der Erfolg ist ihm nicht vergönnt gewesen, aber ich hüte es wie einen Schatz. Dieser Autor meinte, dass ihn jedes Feedback wie meines freue ... aber dass er dem Buch viel, viel mehr gewünscht hätte. Ich auch. Und eine Menge anderer Leute auch.
Es gibt so viele, so wunderbare Bücher da draussen, die untergehen in der Masse der Vampire und Engel oder was sonst grad noch hip ist. Und trotzdem wäre die Welt ein furchtbar öder Ort ohne sie. Halte dich an jene, die dein Buch lieben. Für SIE hast du es geschrieben. IHNEN hast du damit etwas gegeben. Ich weiss, davon kaufen sich keine Lebensmittel und die Miete ist damit auch nicht bezahlt. Und vielleicht, vielleicht sind für solche Bücher kleine Herzblutverlage die besseren Verlage. Nur so ein Gedanke ...

Jan hat gesagt…

Liebe Gabi,

ist es nicht meist so, daß wir unsere Herzenskinder, auch wenn sie kleine Sorgenkinder sind (oder vielleicht gerade deshalb?) am meisten lieben?

Ich finde es sehr schade, daß du solches Gewicht auf Zahlen legst - was sagen sie denn aus?
Viele dieser Bücher, die sich wie blöd verkaufen, sind billiges Lesefutter, geradezu maschinell fabriziert, sie werden gelesen und weggeworfen, weil sie keinen "Nährwert" haben.
Fast food sozusagen.

Du dagegen hast das geschrieben, was dir auf dem Herzen lag, und hast diejenigen, die es gelesen haben, mit deinem Buch berührt.

Ist das nicht Grund genug, stolz zu sein?
Stolzer als auf irgendwelche abstrakten Zahlen?

Ich finde schon. Deshalb bewahre dir dein "Wow-Gefühl"!

teamor hat gesagt…

Ihr Lieben,

ich danke euch für euer Mitfühlen und die vielen guten Gedanken, die ihr mir zu diesem Thema geschenkt habt.
Natürlich freue ich mich über jeden Leser, der mir berichtet, wie sehr ihn mein Buch berührt hat. Natürlich bin ich stolz darauf, mit meiner Arbeit, meinen Bemühungen um eine gute Recherche, meinen Versuchen, eine packende Geschichte zu entwerfen, auf eine positive Resonanz zu stoßen. Jeder einzelne, der seine Begeisterung mit mir teilt, macht mich glücklich! Schenkt mir das wunderbare Wow-Gefühl.
Aber ist es nicht natürlich, dass ich traurig darüber bin, all die Menschen erst gar nicht zu erreichen, die mein Buch vielleicht mit ebenso viel Begeisterung lesen würden - wenn sie denn nur von seiner Existenz wüssten? Dass ich mich kränke, in meinem Handlungsradius so beschränkt zu sein? Nicht erwarten zu dürfen, dass mein Herzblutprojekt so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie ich es mir für es wünschen würde? Nicht, weil ich nicht zu schätzen weiß, was ich an Lob zu hören bekomme. Da geht es mir wie dem Autor, von dem Alice erzählt hat: Ich möchte jedem einzelnen dafür die Hand schütteln, ihn umarmen, mit ihm über mein Buch reden und von ihm erfahren, welchen Eindruck er gewonnen hat. Ich würde aber halt so gerne auch denen die Hände schütteln, die nicht mal wissen, dass es dieses Buch gibt.
Ist das vermessen? Ist das unbescheiden? Aber kann ich denn überhaupt anderes fühlen? Wäre es mir egal, wie viele meine Bücher kennen lernen, müsste ich doch gleich gar nicht damit an die Öffentlichkeit gehen. Wenn es mir nur darum ginge, für mich die Geschichte zu schreiben, die in mir brennt, könnte ich das ohne jeden Marktdruck, ohne Konkurrenzkampf oder Einmischung eines Verlags tun. Ich habe mich aber entschieden, veröffentlichen zu wollen - weil ich mehr Menschen erreichen möchte, als meine unmittelbare Umgebung.
Vielleicht überschätze ich mich selbst. Und so oder so würden nicht mehr Menschen lesen wollen, was ich schreibe. Aber anders kann ich es nicht erfahren, als durch den Vergleich mit anderen. Dass nicht alle Bücher die gleichen Startbedingung haben, ist leider eine Tatsache, die mich aber deswegen nicht meiner Sehnsüchte enthebt.
Ich dachte bisher immer, dass es genügt, das Beste zu geben und darauf zu vertrauen, dass die Welt das erkennt. Sich einzugestehen, dass gute Arbeit nur einen Bruchteil der Erfolgsstory ausmacht, lässt mich überlegen, wie ich damit umgehen kann.
Mit dem Schreiben aufzuhören kommt allerdings in meinen verschiednen Planungsszenarien nicht vor. So gesehen wartet bestimmt noch jede Menge gutes Wow-Gefühl auf mich :-)
Und dieses Versprechen ist der eigentliche Treibstoff für positive Gefühle ...

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich gestehe: Ich lege mein Gewicht auch auf Zahlen. Weil:

- ich vom Schreiben leben möchte (wollte ich das nicht, könnte ich meine Texte gratis online stellen; etwas, das ich mir übrigens dieses Jahr sehr lange und sehr gründlich überlegt habe)
- ich möchte, dass Texte, an denen ich monatelang gearbeitet habe, eine breite Leserschaft finden
- das Verhältnis Aufwand / Ertrag bei kleinen Verkaufszahlen einfach nicht stimmt ... und ich es nicht wirklich prickelnd finden würde, in die Gruppe der Leute zu gehören, die nur für Gottes Lohn und der eigenen Seele Erbauung schreiben. Dass ich nicht zu dieser Gruppe gehöre, verdanke ich vorwiegend den Einnahmen aus den Lesetouren ...

Ich verstehe deshalb Gabi sehr gut. Meine Gedanken gehen in ähnliche Richtungen. Wobei ich nicht erwarte, dass meine Bücher Bestseller werden - ich möchte einfach ein breiteres Publikum erreichen und wenn ich das nur kann, indem ich nonstop Lesetouren mache, mich selber im Internet vermarkte, netzwerke, wo ich nur kann und damit auch nach und nebst dem Schreiben unendlich viel Zeit für das, was man Promotion nennt (wofür nicht zuletzt auch ein Verlag zuständig ist resp. wäre) einsetze, dann frage ich mich halt schon manchmal ...

Trotz allem: Auch für mich ist das Aufhören keine Option. Dazu schreibe ich zu gerne.

Jutta Wilke hat gesagt…

Liebe Gabi,

auch ich verstehe dich sehr gut. Ich weiß, dass es dir nicht um Ruhm und Ehre geht und die hohen Verkaufszahlen allein. Es geht darum, mit deinen Geschichten die Menschen zu erreichen. Du hast all dein Herzblut und viel viel Arbeit in eine Projekt gesteckt, legst es dann vertrauensvoll in die Hände eines Verlags und wünschst dir, dass dieser Verlag dein Buch mit dem gleichen Respekt, der gleichen Liebe und Fürsorge behandelt, wie du es getan hast. Und du wünschst dir mehr als nur zu hören, dein Buch sei ein Sorgenkind. Du wünschst dir, dass für dieses Buch gekämpft wird, dass es in die Welt hinausgetragen wird und die Menschen, für die du es geschrieben hast, auch erreicht.
Wie schon gesagt, ich verstehe das sehr sehr gut. Es geht nicht darum, Bestseller zu schreiben (wobei sicher jeder von uns Kommentatoren hier jeden Cent dringend gebrauchen könnte), es geht darum, dass Geschichten erst lebendig werden, wenn sie auch gelesen werden. Das Aufschreiben alleine genügt noch nicht. Den Atem hauchen einer Geschichte die Menschen ein, die sie lesen. Und es ist wahnsinnig frustrierend, wenn man die gar nicht erst erreicht.
Man kann sicher versuchen, selbst einiges dazu zu tun, um seine Leser zu erreichen. Ich gebe Petra recht, dass in Zeiten des Internets hier manches möglich ist.
Eine andere Überlegung - und hier denke ich wie Alice - ist sicher die, nicht immer sind die großen Publikumsverlage auch die richtigen für ein Buch.
Manche Geschichte verlangt nach einem kleinen aber feinen Verlag, der sie liebevoll unter seine Fittiche nimmt und ihr die besondere Behandlung angedeihen lässt, die sie verdient. Manche Geschichte geht hoffnungslos unter zwischen all der Massenware. Leg mal eine feine handgefertigte Praline zwischen all die Schokoriegel im Kassenbereich. Ich gehe jede Wette ein, dass die Praline schlicht übersehen wird.

Lass dich nicht unterkriegen. Deine Bücher sind wunderbar. Bewahre dir deine Träume und schau dich um, ob nicht das eine oder andere Buch vielleicht einfach eine andere Verlagsheimat braucht, die ihm eher gerecht wird.

Und schreib bitte weiter!

Jutta

Jutta Wilke hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Petra hat gesagt…

Liebe Gabi,

ich versteh dich gut. Aber können Trauer und Kränkung nicht auch manchmal irgendwann kreativ wütend machen? Große Verlage engagieren sich nur für Spitzentitel. Das ist einfach so, Punkt. Den anderen Autoren bleibt nur, sich selbst etwas einfallen zu lassen. Leider, aber das ist unsere Welt.

Du bist ja schon "internetaffin", bist sogar bei Facebook - schon mal daran gedacht, speziell etwas für dein Buch aufzuziehen? Vielleicht auch deine Leser abzuholen, wo sie sind, ob das Communities fürs entsprechende Alter sind oder Foren zu Kriegsthemen? Gerade bei umgrenzbaren Themen sollte man die Effekte nicht unterschätzen - ich sehe gerade bei einem noch gar nicht erschienenen Buch, welch wertvolle Kontakte sich ergeben können (nur durch eigenes Buchblog und Twittern).

Den Tipp von Alice und Jutta mit der Pralinenherstellung find ich gut. So mancher Goldpapierhersteller verkauft nämlich trotz geringerer Unternehmensgröße besser als derjenige, der sich das Papier um die Praline spart - weil er sein Publikum anders erreicht. Und es ist ein viel persönlicheres Arbeiten. Allerdings: Ohne die Mithilfe des Autors in der Vermarktung läuft auch da nichts - aber man macht das in der Regel Hand in Hand.

Wir können unsere Welt nicht mehr zurückdrehen: Wer auf Zahlen schaut, muss zum eierlegenden Wollmilchschwein werden... Die große Maloche fängt eigentlich erst an, wenn das Buch erscheint - Alice hat das gut beschrieben.

Liebe Grüße,
Petra