Dienstag, 17. Februar 2009

Wieviel Autismus darf sein?

Bisher hatte ich eine einfache Regel: Niemand (ohne Ausnahme!) bekommt meine Geschichte zu lesen, bevor ich sie für mich nicht im ersten Durchgang für fertig erklären kann. Ich bin - trotz wachsender Freude am Plotten und der Erkenntnis, dass ein gewisses Grundgerüst wirklich von Vorteil ist - beim Schreiben nie vor überraschenden Wendungen gefeit (und will das auch gar nicht sein!) Ich schätze die spontanen Eingebungen, die mir aus der Geschichte erwachsen, genau dann, wenn diese selbst aus der Planungsphase ins Leben tritt.
Da kann schon mal aus einem geplanten Täter ein Mitwisser werden. Ein Erzählstrang sich weiter verschlingen, als gedacht oder ein Detail zu einem entscheidenden Bestandteil werden, der sich plötzlich als roter Faden durch die Story zieht. So etwas kann ich nie im Leben voraussagen. Das ergibt sich auch ausschließlich dann, wenn ich meiner Geschichte Raum und Zeit zur Entwicklung gebe und sie nicht mit Grenzen oder Einschränkungen maßregle.

Ich kann Schwerpunkte setzen, aber was sich darum ranken will, das lässt sich von mir nicht voraussagen.
Genau das liebe ich am Schreiben. Wenn ich mir in dieser Phase Fesseln anlege, geht für mich das Wesentliche verloren: nämlich das Entwicklungspotenzial der Figuren.
Jede Einmischung von außen, Ratschläge, Hinweise, Ver- oder Gebote, die nicht ich selbst zuvor für den Plot festgelegt habe, sind solche Fesseln, die meine - und vor allem die Kreativität der agierenden Personen - im Keim ersticken.
Das bedeutet nicht, dass ich völlig zügellos den Plot rennen lasse und ihm keinen Rahmen stecke! Mir ist es wichtig, in den groben Zügen der Geschichte die Zügel in der Hand zu halten. Aber ich will und kann mich nicht darauf festlegen, wo und wann die eine oder andere Figur mehr Raum benötigt, mehr Zuwendung, Hintergrund, Information. Das ergibt sich für mich ganz organisch beim Schreiben.

Und vor allem in der Planungsphase brauche ich das Vertrauen zu meiner Fähigkeit, eine Storyline entwerfen zu können, die "zieht", die nicht langweilt, die Geheimnisse hat, die zunächst nur ich kenne. Niemand kann da in meinen Kopf schauen. Niemand kann mir daher in dieser Phase einen Tipp geben, der mich nicht aus dem Gleichgewicht wirft.

Ich weiß nicht, ob ich da übersensibel, hypernervös oder autistisch bin.
Aber ich weiß, dass es mich aus der Bahn wirft und die Alarmglocken einer Blockade schrillen, wenn ich mich in dieser Frühphase bedrängt fühle.
Kann man das kommunizieren, ohne jene vor den Kopf zu stoßen, die es "nur gut meinen"?

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Liebe Gabi,
als Hobbygärtnerin würde ich sagen, was du beschreibst, ist völlig normal und gesund. Wenn ich vor den Eisheiligen Geranien ziehe, setze ich die zarten Pflänzchen auch keinen Nachtfrösten aus oder lasse Touristengruppen durchs Treibhaus tappen, nur weil irgendwelche Leute neugierig darauf wären, Knospen zu zählen.
Frisch Keimendes braucht Schutz und verträgt zunächst mal nur die Bakterien vom eigenen Gärtner.

Und ich lese deine Beschreibung so, dass auch du ein sicheres Gespür dafür hast, wann der kritische Punkt der Eisheiligen vorbei ist?

Ich denke auch nicht, dass man hier Angst haben sollte, Gutmeinende vor den Kopf zu stoßen. Als Schriftsteller muss man, was den eigenen Text betrifft, auch mal mutig Despot sein. Hey, selbst Verlage geben eine Vorveröffentlichungssperre an die Presse aus, warum sollen wir nicht frech den Glassturz auf die keimenden Blättchen stellen dürfen? ;-)

Herzlichst frohes Wachstum wünschend,
die Rosengärtnerin

Alice hat gesagt…

Die Antwort ist einfach: So viel oder so wenig wie du für ein gutes Buch brauchst. Es gibt alles: von Autoren, die den offenen Austausch mit möglichst vielen Personen mögen bis zu solchen, die unter einer Tarnkappe sitzen und alleine werkeln alles. Nichts davon ist "falsch".

"Falsch" wird es erst, wenn man aus seiner Haut rausgerissen wird und entgegen seinen Fähigkeiten und Gewohnheiten arbeiten muss.

Freundliche, offene Worte können da helfen.

Liebe Grüsse

Alice (Tarnkappenschreiberin)