Dienstag, 16. November 2010

Nach-Lesen

Diese jungen Leute, mit denen ich heute bei meinen beiden Lesungen zu tun hatte, lassen mich freudig in die Zukunft sehen. Was bei den intensiven Gesprächen über alle Arten von Grenzen (vom Schutzraum bis zu jenen im Kopf) herausgekommen ist, hat mich glücklich gemacht.
Die "jungen Erwachsenen" - wie sich ein lebenskluges, warmherziges und wortgewandtes Mädel teffend bezeichnet hat - zwischen 14 und 16 haben mir eindrucksvoll bewiesen, dass sie mit offenen Augen aufmerksam dem Leben begegnen, sich Gedanken darüber machen, wie man miteinander richtig umzugehen hat und welche Grenzen dabei wichtig und welche nur dazu da sind, andere "auszugrenzen". Es war eine echte Freude, mit ihnen über die Grundaussagen meines Romans zu diskutieren - und das Thema an vielerlei Ebenen auch noch weiter zu vertiefen. Mögen ihnen ihr Idealismus, ihr klarer Blick und ihre unkomplizierte Geradlinigkeit erhalten bleiben!
Ich habe mich in ihrer Gesellschaft einfach nur wohl gefühlt - was offenbar dazu geführt hat, dass ich meine erste Lesungseinheit gleich gnadenlos um 30 Minuten überzogen habe, ohne dass irgendjemand dagegen protestiert hätte. Wenn sich nicht die nächste Schulklasse im Nebenraum bemerkbar gemacht hätte, wer weiß, ob ich nicht in meiner Begeisterung noch länger mit den rund 40 jungen Leuten weiterdiskutiert und -gelesen hätte ...

Der Wechsel zu den nächsten etwa 30 Schülern vollzog sich also (nach einer kurzen Verschnauf- und Klopause) beinahe übergangslos. Es war für mich spannend, einen so direkten Vergleich zur Vorgruppe ziehen zu können. Während die Vorgänger volksgruppentechnisch bunt durchmischt war, gab es unter den 15- bis 16-Jährigen der Gartenbau-HBLFA Schönbrunn keinen, der nicht aus Österreich stammte. Die Diskussionen über Heimatgefühl, Flüchtlingsproblematik und die Kriegsgeschehnisse im ehemaligen Jugoslawien gestalteten sich entsprechend anders. Nicht, dass sie weniger emotional geführt waren - die Schwerpunkte lagen wo anders - was aber auch daran liegen könnte, dass die "jungen Erwachsenen" (ich liebe diese Bezeichnung!) eben um ein Jahr älter waren. Und wieder war ich beruhigt, meine Zukunft in Händen, Herzen und Köpfen wie diesen zu wissen.

Mit einem ganz entzückenden Bon-Mot möchte ich meinen Bericht zu einem rundum gelungenen Lesevormittag abschließen:
Als ich erzählte, dass ich die meiste Zeit in der Nacht schreibe und demzufolge daran arbeite, mit wenig Schlaf auszukommen, schüttelte ein Junge, der sich schon während der gesamten Lesung intensiv an den Gesprächen beteiligt hatte, sorgenvoll den Kopf. "Seien Sie nur vorsichtig!", meinte er und fixierte mich mit gerunzelter Stirn. "Mein Opa ist an Schlaflosigkeit gestorben!" - Das Gelächter war herzlich - und ich war mehr als gerührt!

Ich hoffe, ihr hattet genauso viel Spaß wie ich!

Kommentare:

Jutta Wilke hat gesagt…

Liebe Gabi,

ich habe mich sehr sehr sehr gefreut, dass die Lesungen in der Schule so gut verlaufen sind. Wie gerne hätte ich dort Mäuschen gespielt! Danke für den tollen Bericht.
Und mit der Schlaflosigkeit - da hat der junge Erwachsene vollkommen recht. Pass auf dich auf! ;-)

*umärmel*
Jutta

AnnetteWeber hat gesagt…

Hach, was für eine schöne Lesung. Das hört sich einfach nur liebevoll ab.

Annette

Alice Gabathuler hat gesagt…

Oh, das klingt klasse! Ich wünsche dir viele, viele, viele weitere solch gelungende Lesungen.

Rabenblut hat gesagt…

Und viele viele weitere so sympathische Leser! Und der junge Erwachsene hat recht: Pass auf Dich auf und pflege Dich, damit wir noch mehr von Dir lesen können!

Herzlich
Nikola