Samstag, 17. Januar 2009

Schmutzige Wahrheiten in sauberen Westen

Eben komme ich von einem Interview, in dem ich mit Tatsachen konfrontiert wurde, die mich schaudern und an der Ehrlichkeit unserer Gesellschaft zweifeln lassen.
Für meinen neuen Krimi recherchiere ich einerseits schon längere Zeit in der Ausländerszene und andererseits im Drogenmilieu. Heute hatte ich ein Treffen mit einer gerade 18-Jährigen und ihrem 25-jährigen Freund. Beide sind im Anti-Drogen-Programm, weil sie mit "der Scheiße, die ihr Leben kontrolliert und sie zu abhängigen Idioten macht" Schluss machen wollen.
Was sie mir erzählt haben, steckt wie ein fetter Kloß in meinem Hals und lässt mich würgen, als wäre ich selbst gerade am "krachen" (Fachausdruck für "dringend einen Schuss brauchen").
Die vom Amtsarzt verschriebene Ersatzdroge macht so unausweichlich abhängig, dass du sie nicht mal absetzen kannst, wenn du die Willensstärke aufbringen könntest, dich einem kalten Entzug zu stellen. Was bei Heroin (unter Qualen und unvorstellbaren psychischen wie physischen Schmerzen) in ein bis zwei Wochen beinharter Konsequenz überstanden sein könnte, entwickelt sich Dank einer Ersatzdroge zu einer rezeptpflichtig verschriebenen lebenslänglichen Abhängigkeit.
Wilde Verschwörungstheorien drängen sich mir auf. Die Pharmaindustrie - von diesem höchst profitablen Zustand offenbar nicht wirklich erschüttert - wird von Krankenkasse und Steuerzahler gesponsert. Die Heroinabhängigen, die sich diesem Programm unterziehen, um endlich clean zu werden, kommen also vom Regen in die Traufe. Meine beiden Informanten aus der Szene würden ja am liebsten wieder aufs "Braune" umsteigen, um sich dann einen kalten Entzug geben zu können, aber es ist verdammt gefährlich, sich erneut in die Illegalität zu begeben - ganz abgesehen von der Möglichkeit, sich mit "gefälschtem Stoff" ein endgültiges Ende zu setzen. In dieser Szene gibt es keine Solidarität. Lüge, gegenseitiges Abzocken und Handlungen jenseits jeder Einschätzbarkeit macht die Junkies zu unberechenbaren Einzelkämpfern. Und die Ersatzdroge lässt sich auf dem Markt verdammt gut zu Geld machen. Viel zu viel bekämen sie als tägliche Ration verschrieben und die Kontrolle, wieviel davon sie tatsächlich einnehmen, verhielte sich wie "Justizia persönlich" - nämlich blind. Kein Wunder, dass sie - chronisch in Geldnöten - auf diese Einnahmequelle nur schwer verzichten können - wo es doch fast so aussieht, als gehörte es zum System, auf diese Weise mit der Ersatzdroge den Heroinmarkt aufmischen zu lassen ...
Die beiden jungen Leute meinen es verdammt ernst. Sie wollen ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen. Ich halte ihnen die Daumen und bleibe mit ihnen in Kontakt. Dass ihnen aber von offizieller Seite der Ausstieg noch schwerer gemacht wird, als es ohnehin schon ist, stößt bei mir auf totales Unverständnis.
Oder wissen diejenigen, die für diese Ersatzdrogen verantwortlich sind, tatsächlich nicht, was der Stoff bei den Konsumenten anrichtet? Das kann ich nun beim besten Willen nicht glauben. Um das zu erfahren, müssten sie sich nur kurz auf den Karlsplatz stellen und mit den Menschen sprechen ...

1 Kommentar:

Petra hat gesagt…

Hallo Gabi,
ich glaube, wenn du auf Dauer realistische Krimis schreiben willst, legst du dir eine dicke Hornhaut, eine gesunde Portion Zynismus oder eine gepflegte Depression zu. Es gibt noch jede Menge Schlimmeres. Und das Schlimmste, was mir ein Krimikollege erzählte: Die wahren Brummer kauft dir kein Verlag ab, weil die glauben, solche Abstrusitäten könne es nur in einer durchgeknallten Autorenphantasie geben, aber nicht in der Realität.
Polina Daschkowa ist z.B. so eine Autorin: brutalst, aber gegen die Realität fast zahm.

Ich wünsch dir Kraft!
Petra