Montag, 11. Oktober 2010

Ich schäme mich

Wer meine Bücher kennt, kann sich vielleicht auch ein Bild von meiner Lebenseinstellung machen. Ich habe gerade im letzten Jahr, im Zuge meiner Recherchen zu den beiden Geschichten mit "Integrations-Hintergrund" ("Störfaktor" und "Grenzenlos nah") viele spannende Menschen kennengelernt, die das Schicksal nach Österreich verschlagen hat - und über die sich Österreich mehr als freuen könnte.
Nein. Dafür schäme ich mich nicht!
Sondern für das Wahlergebnis des vergangenen Wochenendes.
Was müssen diese Menschen denken, die schon einmal alles verloren haben und nun in einem freien, sozial abgesicherten und friedlichen Land einen Neubeginn wagen? Die ihr Wissen, Können, Arbeitskraft und sich selbst einbringen? Wie fühlen sie sich nach so einer Demonstration von Engstirnigkeit, Ablehnung, Xenophobie?
Warum sind wir nicht in der Lage zu einem konstruktiven Miteinander?
Hat die Geschichte noch nicht genug gelehrt? Im Guten wie im Schlechten ...
Wie glorreich waren die Jahre, in denen das Sammeln von Weisheit und das Vereinen unterschiedlichster Kräfte zu einem konspirativen, sich gegenseitig befruchtendem Ganzen im Zentrum gestanden sind? Ich denke an die Zeit des friedlichen Zusammenlebens aller Glaubensrichtungen z.B. in Spanien, wo christliche und islamische Lebenshaltungen einander nicht ausgeschlossen, sondern inspiriert haben. Oder die beeindruckenden (Bau)Werke in Indien, geschaffen von weitsichtigen Herrschern, die nicht ausgegrenzt, sondern vereint haben.
(Um nur zwei willkürlich aus der Geschichte herausgegriffene Beispiele zu nennen - von denen es bestimmt noch viele mehr gibt).

Ich schäme mich dafür, in einem Land zu leben, wo Verhetzer, die Hass und Ausgrenzung säen, derart regen Zulauf bekommen - auch wenn ich in diesem Fall leider meine Stimme nur als entsetzter Bürger erheben kann, der im Nachbarbundesland zum Zuschauen verdammt ist.
Aber so ganz ohne Worte kann ich nicht zur Tagesordnung übergehen. Wenigstens hier möchte ich meine Stimme zum Protest erheben - und einen Aufruf zu Toleranz, Nächstenliebe und Integration über die Grenze schicken. Auch wenn mir klar ist, dass die Parolen der Verhetzer lauter klingen.
Doch sagte ich nichts, würde ich an meiner Scham ersticken ...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gabi, du hast doch nix getan, wofür du dich jetzt geißeln müßtest.

Ich schreibe dir noch was, aber erstmal: Gut ist, daß die Menschen, so fühlt sich das für mich an, mehr als noch vor einer Weile im Gespräch sind. Sicher kontrovers, sicher auch oft scharf, aber sie reden miteinander. Und genau da bist du doch richtig, oder? Als Schreibmensch und Wortarbeiter.

Fühl' dich bitte nicht mies, man kann immer was machen.

Grüße von Alexina

PvC hat gesagt…

Liebe Gabi,

auch wenn ich das Gefühl gut kenne und oft genauso in Scham ausbrechen könnte, würde ich sagen: Fremdschämen ändert leider nicht die Menschen, die sich statt deiner in den Boden schämen müssten.

Aus dem Blickwinkel meiner Europaarbeit kann ich dir erzählen, dass dieser üble Ruck in der Gesellschaft leider ein gesamteuropäisches Problem ist und in allen Ländern von Populisten zu ihren Zwecken geschürt wird.

Und genau aus dieser Arbeit heraus kann ich dir auch Mut machen - es gibt eine ganze Menge Menschen, die trotz allem Mut und Energie nicht verlieren, sich für ein Miteinander, für intelligentes Nachdenken und gegenseitiges Lernen einsetzen und ganz praktisch engagieren. Menschen, die nicht auf Hautfarbe, Religion oder Nationalität schauen, sondern zuerst einen Menschen wahrnehmen, ins Herz blicken.

Das fängt im Kleinen an, indem man ein Beispiel gibt, das geht über Menschen wie dich, die solche wichtigen Bücher schreiben - bis hin zur direkten Arbeit an Kommunikation und Politik.

Ich denke, gerade in solchen Zeiten ist es ungeheuer wichtig, dass wir diesen Protest laut äußern und den konstruktiven, engagierten Menschen eine Stimme und ein Gesicht geben.

Das eine hast du hier getan, das andere machst du in den genannten Büchern. Und dafür brauchst du dich nicht zu schämen! Da sollte anstecken.

Liebe Grüße aus dem ebenfalls kälter werdenden Frankreich,
Petra

Anonym hat gesagt…

Hier die angekündigte Fortsetzung ;-) von Alexina:

Was ich im ersten Kommentar meinte, erlebe ich in der Familie und im Freundeskreis, und glaub mir, wir quasseln uns gelegentlich die berühmten Fusseln an den Mund. Finden uns, nach alten Maßstäben, in unterschiedlichen Lagern wieder. Das ist der Punkt: Ich habe den Eindruck, frühere Zuschreibungen gelten nicht mehr. Ich habe gelesen, daß selbst Einwanderer die FPÖ gewählt haben. Is'n jetz los?! Ist aber offensichtlich so.

Du bist so empathisch zu deinen Figuren, deinen Büchern merkt man gründliche Recherche und gefühlsmäßiges Mitgehen an. Würdest du dich trauen, mit der gleichen Empathie über die Wähler nachzudenken, für die du dich schämst? Ich kenne die österreichischen Verhältnisse nicht sehr genau, aber in Europa zeigt sich ein Trend (habe gerade gesehen, das schreibt Petra auch), darum rede ich einfach mal mit. Ich glaube nicht, daß jetzt ganz viele Leute wieder den rechten Arm hochreißen wollen. Ich denke, das dich so erschreckende Wahlverhalten hat andere Gründe, nicht (oder wenigstens nicht nur) Xenophobie und Engstirnigkeit, ich glaube, da qualifiziert man diese Wähler zu leichtfertig ab.

Es gibt vielleicht gar keinen Grund für Scham. Vielleicht beginnt endlich ein wichtiges Gespräch.

Rabenblut hat gesagt…

Jedenfalss trägst Du mit Deinen Büchern dazu bei, dass junge Menschen einen anderen Blickwinkel erleben. Ich würde mir wünschen, dass "Grenzenlos nah" in die Liste der Schullektüre aufgenommen würde. Das wäre sicher hilfreicher als so mancher Klassiker. Mit deiner Arbeit stellst Du Dich gekonnt gegen diese Welle, deshalb bitte nicht fremdschämen!
Liebe Grüße,
Nikola

teamor hat gesagt…

Ihr Lieben,

ich bin euch für eure Gedanken zu diesem sehr sensiblen Thema überaus dankbar. Tatsächlich fühle ich mich dadurch nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert wie noch an dem Abend, als das Wahlergebnis diese für mich schon vorher gefühlte erschreckende Grundstimmung in meiner Heimat manifestiert hat.
Gegen Gespräche hätte ich selbstverständlich nichts einzuwenden. Wenn ich denn das Gefühl hätte, es gäbe tatsächlich den Willen zu einem Dialog, bei dem nicht nur einseitig Propaganda gedroschen wird.
Trotzdem suche ich dieses Gespräch immer wieder. Auch in meiner erweiterten Familie gibt es - oft heiß geführte - Diskussionen über Zuwanderung, das Ausnützen von Sozialsystemen und die Angst, ausgenützt zu werden. Ich bemühe mich jedes Mal darum, auch der "Gegenseite" das Gefühl zu geben, in ihrer Sorge ernst genommen zu werden. Denn nur so sehe ich eine Chance, auch mit meinen Argumenten gehört zu werden. Diese Form von Gespräch finde ich total wichtig, befruchtend und konstruktiv. Wogegen ich so allergisch bin sind Pauschalurteile, gezielte Halb- oder Falschinformation und das Schüren von tiefsitzenden Ängsten, ohne auch nur den Versuch eines fruchtbringenden Dialogs. Dass dieser Populismus auf so fruchtbaren Boden fällt, erschüttert mich - obwohl ich natürlich die Ursachen verstehe. Wirklich schämen sollten sich also wahrscheinlich die Politiker, die auf diesen Instrumenten spielen, statt über ein menschenorientiertes Arbeitsprogramm nachzudenken.

Liebe Nikola, gegen mein Buch als Klassenlektüre hätte ich natürlich nichts einzuwenden ;-) So oder so habe ich es aber aus einem inneren Bedürfnis geschrieben - und bin im Zuge der Arbeit so vielfach beschenkt worden, dass ich jedem FPÖ-Wähler wünschen würde, sich auch einmal auf diese MEnschen einzulassen, vor denen sie sich so diffus fürchten.

Danke für diese rege und gedankenanregende Diskussion!

Herzliche Grüße
Gabi