Montag, 14. Februar 2011

Gutes tun - gelingt das?

Heute ist Valentinstag. Der Tag der Liebe. Ich bin einkaufen. Und spontan überkommt es mich : Ich will heute einem Menschen, der nicht so auf der Sonnenseite des Lebens wandelt wie ich, einen schönen Tag bereiten.
Vor unserem Merkur-Markt stehen immer unterschiedliche Augustin-Verkäufer. Heute ist's eine junge Frau. Eingepackt in Wollhaube, dicke Jacke und Schal sieht sie doch so aus, als hätte sie Sehnsucht nach etwas Wärme. Ich schau mir meinen prall gefüllten Einkaufswagen an - und beschließe, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Ich frag sie, ob sie mit mir einkaufen gehen möchte - in ihrem Blick ist zuerst Erstaunen, dann Fassungslosigkeit und schließlich so ein Funken Glück, den ich mir für diese Augen gewünscht habe.
Gemeinsam fahren wir die Regale entlang. Ich muss sie immer wieder dazu ermuntern, sich zu nehmen, was sie braucht. Auch mal die Familienpackung statt der kleinen, die sie zögerlich in die Hand genommen hat. Immer wieder kommt der Seitenblick - Ist das ernst gemeint? Ist das echt? Oder werde ich grad bös verschaukelt? Ich lächle sie an und nicke. Hundertmal bestimmt.
Während wir durch den Markt gehen frag ich sie - woher kommen Sie? Wie lange sind Sie schon da? Wo wohnen Sie? Und sie erzählt mir von ihren beiden kleinen Kindern und ihrer Mutter, die normalerweise immer draußen steht, mit den Zeitungen. Nur heute nicht, denn heute ist sie ein bisschen krank und da ist sie für sie eingesprungen. Und sie strahlt und will wirklich alle alle Regale entlanggehen - oft nur, um sich die Dinge anzusehen. Und wenn ich sage - nehmen Sie sich nur! Brauchen Sie Milch? Mehl? Zucker? - kommt immer dieser Blick - Ehrlich? Darf ich? Ist das nicht zu teuer?
Ich habe so ein schönes Gefühl dabei. Und die Verkäufer im Laden, die mitbekommen, was ich da tue, lächeln mich an.
Und dann - nachdem ich alles bezahlt habe und sie mit ihrem wunderbar vollen Einkaufswagen beim Ausgang steht, denke ich mir, sie freut sich so und dafür hab ich gerne ein bisschen was von dem gegeben, was ich habe ... und dann sagt sie - Darf ich Sie noch was fragen? Sind Sie morgen auch da? - und ich denk mir, sie will mir womöglich irgendwas dafür geben und winke ab und lächle und sage - lassen Sie es sich gut schmecken und alles Liebe für Sie und Ihre Familie. Und dann schaut sie so und sagt - ich hätte nämlich noch eine Gas- und Stromrechnung. Nicht so viel, nur 193 Euro. Aber die kann ich nicht zahlen ... Und ich weiß nicht, ob ich jetzt heulen soll, weil ich mich irgendwie verarscht fühle und ohnmächtig und so, als könnte ich niemals genug tun, um wirklich Gutes zu tun. Weil alles immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird.
Und ich lächle und dreh mich um und geh.

Habe ich jetzt Gutes getan? Oder war es eine Illusion, ein Versuch, mit dem ich nur scheitern konnte? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass ich es wieder tun würde. Für mich und meine Seele.

Kommentare:

Diandra hat gesagt…

Nicht immer, aber häufig, ist es die gute Absicht, die zählt.

Vielleicht hat die Frau gedacht: Hier ist jemand, der nicht auf die Münze schaut. Die Gelegenheit muss ich nutzen, vielleicht kommen wir so aus dem Loch.

Vielleicht hat sie auch gedacht: Ha, endlich jemand, den man so richtig schön ausnutzen kann.

Wer weiß?

Wichtig ist, was du gedacht hast.

Fabrizius hat gesagt…

Es ist der uralte Drang des Menschen immer mehr haben zu wollen, wenn erst mal der Anfang gemacht ist. Das ist in den oberen Etagen der Reichen genau so wie in den Slums der Armen. Wer etwas hat will mehr haben. Oben nennt sich das Business, unten Betteln. Sie hat es probiert, nein sie war nicht unverschämt, sie wollte nur sehen ob nicht doch noch was geht, nachdem zu hundertmal mit dem Kopf nicktest. Verzeihe es ihr, sie hat nur aus einem Trieb heraus gehandelt (S.o.) Sie hat gefordert wie es andere auch tun, sie hat dich nicht beklaut. Du warst nicht im falschen Film, sondern in einem realen Film.

AnnetteWeber hat gesagt…

Oh Mann, das ist ja wirklich ein richtig schlechtes Ende einer tollen Geschichte.
Sei ganz lieb umarmt, du bist auf alle Fälle eine herzliche und mutige Frau!!!
Annette

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Gabi,

wie schade, dass diese wirklich schöne Geschichte mit einem so bitteren Nachgeschmack enden musste. Das schockt.
Obwohl ich auch denke, dass diese Frau nicht unverschämt sein wollte, sondern einfach ihre Chance nutzen wollte. Vielleicht hat sie gedacht, dass Geld bei Dir keine Rolle spielt. Es ist ja auch ungewöhnlich, dass jemand etwas von dem abgibt, was er vielleicht auch selber brauchen könnte. Man erwartet solche Großzügigkeit nicht als Opfer sondern als ein Geschenk von jemandem den es nicht wehtut. Nach dem Motto: Wer viel hat, hat's leicht großzügig zu sein.
Das es bei Dir aber von Herzen kam und nicht von Krösus, konnte sich diese Frau wahrscheinlich gar nicht vorstellen.
Sehr traurig.

Liebe Grüße
Nikola

teamor hat gesagt…

Meine Lieben,
ich war (und bin) dieser jungen Frau in keiner Weise böse, dass sie diese "Chance am Schopf packen" wollte ... mein Heulansatz war eher der Erkenntnis geschuldet, dass ich niemals genug tun könnte - so viel ich auch zu geben versuche. Nie wird es dem anderen, dem ich helfen wollte, tatsächlich aus einer Situation heraushelfen, in die ihn das Leben hineingezwungen hat.
Das habe ich traurig gefunden - meine Unzulänglichkeit in dem Versuch, ein bisschen die Sonne scheinen zu lassen. War halt doch nur ein winzigkleiner Sonnenstrahl, der nicht lange genug Wärme geben kann ...
Aber trotzdem spüre ich, dass es dsa Richtige war - weil mehr halt nicht geht.
Herzlich
Gabi

Marco hat gesagt…

Ach Gabi -

Ich würde das nicht so schwer nehmen, nicht persönlich, und auch nicht als Scheitern deines (wirklich sehr schönen) Versuchs, etwas Gutes zu tun.

Ich habe im letzten Jahr einige - interessante Erfahrungen darüber gemacht, wie wir Menschen für uns mit Problemen umgehen. Manchmal, wenn wir ganz unten sind, wenn bestimmte Probleme sich über uns aufbauen wie fünfzig Meter Wellen, bereit, uns beim geringsten Zwinkern zu erschlagen, dann entwickeln sich genau DIESE Probleme zum alles beherrschenden Thema unseres Lebens.

Ich konnte ein halbes Jahr lang meine Krankenkasse nicht zahlen und habe den Versicherungsschutz verloren. Das war bei weitem nicht mein größtes Problem. Ich hatte keine Wohnung, kein Einkommen, keine Ersparnisse, kein Essen und musste irgendwoher 700 Euro nehmen, um meine Studiengebühren zu bezahlen.
Ein sehr, sehr guter Freund ist für mich eingesprungen, hat mich viel verpflegt, mir einen Job besorgt und mir tatsächlich das gesamte Geld fürs Studium geliehen.

Und egal wie dankbar ich ihm dafür war, im Hinterkopf hatte ich nur ein Thema: Scheiß drauf, ich bin nicht krankenversichert!
Nicht, weil das mein drängenstes Problem war (War es nicht), sondern einfach das, welches sich am intensivsten und bedrohlichsten vor mir aufgebaut hatte.
Ich hatte ein enorm schlechtes Gewissen, dass ich meinem Freund trotz allem, was er für mich tat, am liebsten nur darum gebeten hätte, mir doch das Geld für die Krankenkasse bitte auch noch irgendwie zu geben. Einfach weil DAS mein Problem war, das mich nicht schlafen ließ!

Vielleicht, und ich spreche hier auch nur aus meinen Erfahrungen des letzten Jahres, verhielt / verhält es sich für die Frau vor dem Markt genau so? Vielleicht sind die Angst und Sorge, kein Gas und kein Strom, womöglich keine Wohnung mehr zu haben einfach so groß und so bedrohlich, dass all die anderen Probleme, auch wenn sie drängender SIND, ihr unwichtiger erscheinen?!? Vielleicht will sie nur einfach dieses EINE Problem, dass sich über ihrem Leben auftürmt endlich los sein, weil es sie schon wer-weiß-wie-lange verfolgt?

Ich sage nicht, dass es so ist, aber ich habe mittlerweile großes Verständnis dafür, dass Leute, die Hilfe brauchen, und denen man hilft, zwar dankbar sind, und es auch zu schätzen wissen (Von daher solltest du beruhigt sein!), die aber wie bei jeder Sucht am Ende nur dieses EINE gigantische Problem vor sich sehen und nicht wissen, wie sie dort herauskommen können und deshalb auch an nichts anderes mehr denken können. Das ist eher ein psychologisches Phänomen als Raffgier.

Was da hilft? Manchmal nichts. Vielleicht hättest du vorher fragen können: "Was lässt Sie im Augenblick vor Sorge nicht schlafen?", aber ob das so viel besser gewesen wäre?
Du hast etwas Gutes getan, und sie wird sich auch darüber gefreut haben. Dafür, dass sie (natürlich!) auch noch andere Probleme hat, kannst du nichts, und es ist auch nicht deine Aufgabe, ALLE ihre Probleme zu lösen. Wenn du nur EINES davon gelöst hast, wenigstens für eine Weile, ist das bereits eine gute Sache. :)

Herzliche Grüße
Marco

Anni hat gesagt…

Was für eine schräge Geschichte. Vielleicht ist es ja klüger, zu fragen, was jemand braucht. Nur mal so als Gedanke.
Wofür der Mensch Geld braucht, geht uns ja eigentlich nix an - und wenn er's versäuft, ist es immer noch sein Leben.
Deshalb frage ich auch nie "wollen Sie einen Kaffee" oder so.
Entweder ich gebe - oder eben nicht.