Sonntag, 25. Juli 2010

Ich will schreiben!

Mit Sicherheit hatte ich auch schon mal schlechtere Zeiten. Und ich sollte froh sein, dass es Hoffnung auf völlige Wiederherstellung gibt. Geduld und Zuversicht. Freude am Fortschritt. Dankbarkeit und Lust am Leben. Das wäre doch gerade am ehesten angebracht. Sagt man mir.
Und was tu ich, ich undankbares, ungeduligen und sonst noch allerlei un-Wesen?
Ich jammere. Ich stampfe mit dem Fuss auf. Und ich blockier mich selbst.

Aber ab sofort wird das anders!
Ich packe meinen Schopf und ziehe - ziehe - ziehe ...
und siehe - siehe - siehe!
Die Seiten in meinem neuen Schreibbuch füllen sich mit Buchstaben. Worte reihen sich aneinander. Zeile um Zeile schälen sich Gedankenbilder aus dem zähen Frustnebel. Antworten reihen sich an Fragen.
Dankbarkeit und Lust.
Jetzt weiß ich, was damit gemeint ist.
Ich kann wieder schreiben.

Kommentare:

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Gabi,
also hat eine Schreibbloggade Dich so lange fortgehalten? ;-)
Schön zu hören, dass jetzt alles wieder fließt. Bei mir fließt momentan leider gar nichts, aber das wird auch schon wieder. Bisher konnte man ja alles schön auf die Hitze schieben, das Argument bleibt nun nicht mehr bestehen ...
Liebe Grüße,
Nikola

teamor hat gesagt…

Liebe Nikola,

ich weiß nicht, wie oft ich im letzten Monat vor meinem Blog gesessen bin und mir gedacht hab: Das kann doch nicht so schwer sein? Mach eine neue Seite auf und SCHREIB! Aber es blieb immer im Vorsatz stecken - als wäre ich in meinen Entscheidungen nicht mehr zeichnungsberechtigt ...
Ich denke, es war mehr als nur eine Schreibblockade. Ein Zusammenspiel von privaten Katastrophen und einer damit einhergehenden bleiernen Müdigkeit, gepaart mit den Gefühl, nicht GUT GENUG zu sein für diesen heiß umkämpfen Literatur-Markt.
Diese Minderwertigkeitskomplexe begleiten (und behindern ...) mich seit frühesten Schülertagen. Damit sollte ich langsam umgehen können - und meistens halte ich auch ganz gut die Balance zwischen hochfliegenden Träumen und realistischer Selbsteinschätzung. Aber dieses sensible Gleichgewicht kann schon durch einen winzigen Kieselstein ausser Kontrolle geraten - wieviel mehr erst, wenn wirklich was Lebensveränderndes geschieht.
Insofern bin ich wahnsinnig stolz, dass ich es geschafft habe, wieder einen Anknüpfungspunkt an mein Schreiben zu finden. Denn es war ein Kraftakt, der weniger spektakulär aussieht, als er tatsächlich von mir verlangt worden war.

Ich danke dir - und allen, die so lange Zeit bei einem Blog ausgeharrt haben, bei dem es NICHTS NEUES zu lesen gab.

Herzlich
Gabi

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Gabi,
gerade erst hattest du ein Projekt abgeschlossen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass Dein ganzes Herzblut dafür ausgelaufen ist? Von vielen Schauspielern hört man, dass sie nach einem abgedrehten Film in ein Loch fallen.
Ich habe da natürlich nicht so viel Erfahrung, aber auch ich war nach dem beendeten Manuskript tagelang regelrecht depressiv. Eigentlich sollte man sich freuen, andererseits hat man plötzlich viele, liebgewonnene Freunde verloren und ist in Trauer.
Nicht GUT GENUG, schreibst Du? Das ist genau der Punkt, über den ich auch oft nachdenke. Man möchte etwas perfektes abliefern, aber perfekt ist eben nicht menschlich. Manchmal muss man zufrieden sein, wenn man "gut genug" ist. Manchmal ist "gut genug" schon das optimum. Und Deine Sensibilität ist nur ein Zeichen für Deine Kreativität.
Liebe Grüße,
Nikola

Alice Gabathuler hat gesagt…

Vielleicht müssen wir uns fragen, ob es ein "gut genug" überhaupt gibt, geben kann. Und wenn ja, gut genug für wen? Für einen selber, für den Verlag, für die Leserschaft? "gut genug" ist ein irrwitziger Begriff, an dem man eigentlich nur scheitern kann, weil man nie "gut genug" für alle und alles ist.

Mich hat kürzlich ein Jugendlicher bei einer Lesung gefragt: "Warum sind Sie nicht so berühmt wie Dan Brown?" Ich antwortete in einer ehrlichen und unsentimentalen Selbstanalyse. Gab er zurück: "Aber ich verstehe das nicht. Sie schreiben viel besser als Dan Brown."

Für diesen Jugendlichen bin ich weit mehr als "gut genug". Für viele andere auch. Für ebenfalls viele andere nicht.

Ich denke, wir sollten unsere Motivation bei jenen suchen, für die wir mehr als "gut genug" sind, und gleichzeitig an uns und unserem Schreiben arbeiten und den Punkt anstreben, an dem wir uns mehr als "gut genug" empfinden.

Trotz all diesen positiven Gedanken: Ich kenne deine Situation nur zu gut. Bin ca. 100 Seiten im Rückstand mit meinem Buch, weil es zu Vieles in meinem Schreibumfeld gibt, das mich tagelang lähmt, mir die Lust und Motivation am Schreiben nimmt und meine ganze Schreibenergie buchstäblich in ein grosses, schwarzes Loch saugt.

Vor vielen Jahren habe ich gelernt, einen Tag nach dem anderen zu nehmen. Manchmal vergesse ich, wie das geht, weil das schwarze Loch zu gross ist. Heute aber, heute ist ein guter Tag. Vielleicht darum, weil ich mich die letzten Tage bis zur Erschöpfung verbal ausgekotzt habe. Den ganzen Frust bei Menschen abgeladen habe, die verstehen, was in mir vorgeht. Das hat gut getan. Ich bin heute motiviert. Noch nicht in Schreiblaune, aber motiviert, das Autorinnenleben anzupacken, an ihm zu wachsen, mich nicht umhauen zu lassen. Wahrscheinlich werde ich noch viele solcher Schritte wie jene der letzten Tage, Wochen und Monate brauchen, aber heute, heute bin ich zuversichtlich, dass ich es schaffen werde. Und du wirst das auch. Weil wir zum Schreiben gemacht sind. Egal, für wen wir "gut genug" sind und für wen nicht. Weil: Es wird immer Menschen geben, für die wir mehr als nur "gut genug" sind.

Liebe Grüsse
Alice

teamor hat gesagt…

Liebe Alice,

deine Worte sind Balsam und Kraftquelle in einem. JA, es TUT GUT, zu spüren, dass man nicht allein dasteht mit seinen Zweifeln. Dass auch das große Vorbild - die Autorin, deren Mut, deren Schreibfähigkeiten und deren Lebensenergie ich immer schon bewundert habe - genau diese Phasen durchzustehen hat ... und sie meistert.
Der Gedanke, sich auf das einzulassen, das einem nun einmal vom Leben "zugemutet" wird (das Wort MUT in diesem Zusammenhang gefällt mir!), und nicht schon im Vorfeld dagegen aufzubegehren, ist ein richtig guter. Und wahrscheinlich der einzig zielführende. Ich habe mal in einem Jugendbuch (ewige Jahre her, aber offenbar sehr beeindruckend!) die Geschichte von einem, von Indianern verschleppten Jungen gelesen. Als er mit seinen Entführern an die Stelle des Flusses kam, von der er wusste, dass es dahinter keine Rettung mehr gab, begann er zu singen und zu lachen. Ich konnte das zunächst nicht begreifen! Aber später wurde mir klar, dass er genau das Richtige getan hat: Das Schicksal angenommen und das Beste draus gemacht. Das hat nicht nur seine Energien in die richtige Richtung gepolt, sondern auch auf seine Umgebung so viel Eidruck gemacht, dass sie ihn ab sofort mit Respekt und Achtung behandelt haben.
An das werde ich jetzt immer denken, wenn mich dieses Gefühl zu lähmen droht, von den Gegebenheiten meines Lebens überrollt und überfordert zu werden.
Danke dir für diesen Gedankenanstoß - und deine Freundschaft!

Herzlich
Gabi

Jutta Wilke hat gesagt…

Liebe Gabi,

"bin ich gut genug?" - diese Frage schreit mir seit einigen Tagen mit geballter Wucht ins Gesicht. Und obwohl ich wirklich noch auf dem Boden sitze von dieser Wucht, bin ich bereits dabei, zurückzuschreien.
Ja, ich bin gut genug! Gut genug für den Weg durch das Leben, den ich gewählt habe. Mit allen seinen Höhen und Tiefen. "Gut genug" impliziert immer Vergleiche, impliziert die Möglichkeit, jemand anderes könnte besser sein. Und das wiederum setzt eine bestimmte Sichtweise voraus. Alice hat das in ihrer Antwort so herrlich geschrieben. Für den Jugendlichen war sie besser als Dan Brown. Und für viele andere ihrer Leser wird sie das auch immer sein. Es kommt auf das Ziel an, das wir erreichen wollen.
Alice will mit ihren Büchern die Jugendlichen beim Schopf packen und das tut sie - mit Haut und Haar. Mag Dan Brown an ihr vorüberziehen mit seinen Bestsellern, er wird die Jugendlichen niemals packen.
Ich habe vor vielen Jahren einmal eine lange Bergwanderung unternommen. Vollkommen unerfahren auf diesem Gebiet habe ich mich einem Wanderführer anvertraut, der das Tempo bestimmte und die Richtung wies. Ich war unglaublich stolz auf meine Leistung und den Weg, den ich geschafft hatte, als das Gipfelkreuz in Blickweite rückte. Da wurden wir plötzlich von zwei Bergläufern überholt, die in leichter Läuferkluft einen Bergmarathon bestritten. Ich konnte den beiden nur mit offenem Mund hinterher starren. Nie, nie, niemals werde ich so gut sein, dachte ich. Mein Bergführer sah das damals und meinte in seiner herrlichen schnodderigen Art: "Mehr als oben sind die auch nicht." Und er hatte Recht. Sie hatten den Gipfel erreicht. Ich auch. Sie haben für die gleiche Strecke kürzer gebraucht. Na und?
Ich hatte ein herrliches Picknick auf halber Höhe mitten zwischen Murmeltieren. Das hatten sie vermutlich nicht. Jeder von uns hat sein Ziel erreicht. Es bringt nichts, das zu vergleichen.
Jeder von uns geht seinen Weg und bekommt seine ganz eigenen Hindernisse in den Weg gelegt. Jeder von uns muss für sich selbst entscheiden, steig ich da drüber, geh ich außen herum oder kehre ich um. Und keine Entscheidung ist falsch, jede ist für sich gesehen richtig.
Ich habe viel geredet in den letzten Tagen, viel gejammert, viel geflucht und viel geheult. Ich hatte gute Zuhörer, aber letztendlich muss ich entscheiden, welcher Weg meiner ist. Kein noch so gut gemeinter Rat bringt mich weiter. Und wenn ich mich entschieden habe, dann weiß ich auch, dass mein Weg der richtige ist für mich. Und dass ich gut genug bin ihn zu gehen. Egal, ob andere das genauso sehen oder nicht.

@Gabi und @Alice, ich finde es wunderbar, euch zu kennen!

Liebe Grüße
Jutta

Jutta Wilke hat gesagt…
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Jutta Wilke hat gesagt…
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teamor hat gesagt…

Liebe Jutta,

"spielt denn die Welt verrückt?", hab ich spontan gefragt - in Anbetracht all der Ver(w)irrungen und Wahnsinnigkeiten der vergangenen Tage und Wochen. Es ist toll und bewundernswert, wie du mit diesen Verrücktheiten umgehst. Wie stark und bewusst du ihnen gegenübertrittst, deine Entscheidungen fällst und zu ihnen stehst.

Und zu deinem letzten Satz kann ich nur sagen: Ich auch!!!

Herzlich
Gabi

Alice Gabathuler hat gesagt…

Schliesse mich ganz sentimental an, suche das Taschentuch und trompete gerührt rein :-)))